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Component Libraries im Enterprise-Umfeld 

Autor

Felix Schaffernicht
Technical Director
bei SYZYGY Techsolutions

Lesedauer
6 Minuten

Publiziert
28. Januar 2025

Moderne Webanwendungen im Enterprise-Umfeld sind oft komplex und erfordern eine Vielzahl von wiederverwendbaren UIKomponenten. Die Verwaltung solcher Component Libraries ist eine Herausforderung, die weit über das bloße Erstellen von Komponenten hinausgeht. In diesem Artikel zeige ich, welche Strategien sich bewährt haben, um Component Libraries nachhaltig und effizient zu pflegen. 

Einleitung

Enterprise-Anwendungen stellen besondere Anforderungen an die Wiederverwendbarkeit, Skalierbarkeit und Konsistenz der Benutzeroberfläche. Eine gut organisierte Component Library ist entscheidend, um eine einheitliche Benutzererfahrung (UX) und Benutzeroberfläche (UI) über verschiedene Projekte hinweg sicherzustellen. Sie fördert die Effizienz in der Entwicklung und ermöglicht die Erstellung und Wartung skalierbarer Anwendungen.  

Natürlich stellen sich vor Einführung einer Component Library viele technischen Fragen. Die erste zu klärende Frage ist wie so oft: „Build or buy?“. Es folgen Fragen zur Architektur, Versionierung oder Dokumentation, auf die ich später eingehen werde. 

Doch bevor wir uns einige dieser technischen Aspekte anschauen, möchte ich Prozesse und Verantwortlichkeiten in den Fokus rücken. Von Beginn an müssen viele wichtige nicht-technische Fragen geklärt werden. Denn häufig liegen im Projektverlauf auftretende Probleme weniger in technischen Entscheidungen, sondern vielmehr in organisatorischen Fragen wie fehlendem Ownership oder unklaren Prozessen begründet. Ohne eine umfassende Strategie können Component Libraries schnell problematisch werden: schwer wartbarer Code, technische Schulden, Redundanzen, Unzufriedenheit der Projektbeteiligten sind häufige Konsequenzen. 

Diese Strategie wird in einem für alle Projektbeteiligten zugänglichen Governance-Konzept festgehalten. Es definiert, wie Entscheidungen getroffen werden, wer für welche Aufgaben verantwortlich ist und welche Standards eingehalten werden müssen, um den langfristigen Erfolg einer Component Library sicherzustellen. 

Governance von Beginn an

Klare Verantwortlichkeiten für die Component Library sind essenziell. Was zunächst selbstverständlich klingt, ist in der Praxis oft nicht eindeutig definiert. Gerade wenn es um die regelmäßige Wartung und Pflege geht, muss klar sein, wer für die Bibliothek verantwortlich ist. Ownership sollte klar verteilt sein, damit die Weiterentwicklung gezielt gesteuert werden kann und Verantwortlichkeiten nicht verwässern. 

Neben Verantwortlichkeiten werden Regeln und Prozesse definiert, die sicherstellen, dass die Library effektiv, nachhaltig und konsistent verwaltet wird. Hier wird z.B. festgelegt, anhand welcher Kriterien eine Komponente in die Bibliothek aufgenommen wird – etwa basierend auf Grad und Notwendigkeit der Wiederverwendbarkeit oder der strategischen Relevanz. Ein standardisierter Pull-Request-Workflow ist ein weiterer zentraler Aspekt. Dieser stellt sicher, dass alle Änderungen von Maintainer:innen überprüft werden, um die Qualität und Konsistenz der Library zu gewährleisten. Auch ein gut definierter Contribution-Prozess kann Bestandteil des Konzepts sein, um die Beteiligung und das Engagement aller Projektbeteiligten zu regeln und zu fördern. 

build vs buy

Nachdem das Rahmenwerk um Prozesse, Regeln und Verantwortlichkeiten festgelegt wurden, muss man sich den technischen Fragen stellen. 

Oftmals sind die Anforderungen an eine Benutzeroberfläche (UI) so spezifisch, dass die Entwicklung einer eigenen Component Library sinnvoll ist. Daher gilt es zunächst zu klären, ob auf bestehende Libraries wie etwa Material UI, Chakra UI oder Andere zurückgegriffen wird, oder ob eine maßgeschneiderte Lösung entwickelt wird. Beide Ansätze haben ihre Vor- und Nachteile, die sorgfältig gegeneinander abgewogen werden müssen. Hier lohnt es sich, am Anfang genauer hinzuschauen, und auch zukünftige mögliche Produkt-Szenarien durchzuspielen. Denn nachträgliche Änderungen sind im Regelfall aufwendig. 

Nach dieser Entscheidung gilt es, sich die Applikations-Architekturen anzuschauen. Die Planung und Verwaltung einer Component Library muss der jeweiligen Architektur, die vorliegt oder geplant ist, gerecht werden. 

Monorepo oder verteilter Ansatz?

Ist ein monolithischer Kontext gewünscht, in dem alles zentral verwaltet wird, oder sollen verschiedene Teams unabhängig voneinander arbeiten können? In einem Monorepo, wo der Applikationscode direkt auf die Component Library zugreift und möglicherweise keine unterschiedlichen Versionen benötigt werden, kann eine strikte Versionierung, etwa über NPM und ein Publishing in einem eigenen Registry oder Artifactory überdimensioniert wirken. In verteilten Architekturen wiederum ist ein striktes Bereitstellungskonzept inklusive Versionierung in der Regel unabdingbar. Hier bietet NPM einen etablierten Workflow mit klarer Versionierung – Stichwort: Semantic Versioning. 

Versionierung

Semantic Versioning gilt als bewährter Ansatz, um skalierbare Software über verteilte Systeme bereitzustellen. Der Vorteil: Etabliert, weit verbreitet und theoretisch einfach zu verstehen. 

Die Praxis zeigt jedoch, dass das konsequente Anwenden dieses Prozesses alles andere als trivial ist. Daher lohnt es sich, von Beginn an intensiv mit der zukünftigen Versionierung auseinanderzusetzen. Es erfordert Disziplin und Aufklärungsarbeit – gerade in großen Teams. Teams müssen ein gemeinsames Verständnis für die Bedeutung von MAJOR-, MINOR- und PATCH-Versionen entwickeln, um Missverständnisse zu vermeiden. Nur durch klare Richtlinien und regelmäßige Abstimmungen lässt sich sicherstellen, dass Semantic Versioning dauerhaft gut funktioniert und z.B. keine unbeabsichtigten Breaking Changes eingeführt werden. 

Public Changelog

In diesem Zuge kann es hilfreich sein, Updates einer Library klar zu dokumentieren und zu kommunizieren. Ein öffentliches Changelog, das beispielsweise in einem gut strukturierten Storybook eine prominente Seite erhält, bietet hierfür eine ideale Plattform. So können nicht nur Entwickler:innen, sondern auch andere Stakeholder wie Designer:innen oder Product Owner einfach nachvollziehen, welche Änderungen vorgenommen wurden. Zusätzlich könnte bei jedem Release eine Ankündigung über einen E-Mail-Verteiler, Teams- oder Slack-Channel erfolgen, um die Organisation über die neue Version zu informieren und gleichzeitig auf das Changelog zu verweisen. Diese Transparenz fördert die Akzeptanz neuer Versionen und minimiert Missverständnisse. 

Zentrale Dokumentation

Apropos Storybook; Eine gute Dokumentation ist essenziell, um Komponenten effizient nutzen zu können. Storybook hat sich in der Entwicklung von UI-Interfaces als quasi-Standard etabliert – insbesondere im React-Ökosystem. Ursprünglich als Entwickler-Dokumentation gedacht, hat sich gezeigt, dass Storybook für andere Stakeholder wie Designer:innen, Product Owner oder Marketing-Teams nützlich sein kann. Es bietet allen Beteiligten einen einfachen Zugang zum aktuellen Stand der Komponenten und erleichtert die Kommunikation über Design und Funktionalität. Darüber hinaus lässt sich Storybook auch hervorragend nutzen, um Changelogs, Designrichtlinien oder Usage-Guides direkt im Kontext der Komponenten zu präsentieren, was die Transparenz und Nachvollziehbarkeit deutlich erhöht. 

Storybook ist hier nur ein prominentes Beispiel. Natürlich gibt es noch weitere Möglichkeiten zur Dokumentation, wie etwa Docusaurus oder individuell entwickelte Lösungen. Entscheidend ist das überhaupt dokumentiert wird und nicht einfach nur Komponenten gebaut werden. Es muss einen zentralen Ort geben, an dem die endgültige “Wahrheit” der Komponenten einsehbar und nachvollziehbar ist. 

Deprecation-Prozess einführen

Auch Regeln für einen Deprecation-Prozess können hilfreich sein, um die langfristige Stabilität einer Component Library zu gewährleisten. Für Breaking Changes, also Änderungen die bestehende Funktionalität beeinträchtigen oder inkompatibel mit vorherigen Versionen sind, gilt es Mechanismen zu etablieren, die den Umstieg für Konsument:innen erleichtern. Dazu gehören angemessene Übergangsfristen, in denen beide Versionen parallel bestehen, damit genügend Zeit für Planung und Anpassung bleibt. Dieser Ansatz bedeutet zwar zusätzlichen Aufwand, weil veraltete Versionen weiter gepflegt werden müssen, steigert jedoch die Akzeptanz der Nutzer:innen erheblich. Auch hier ist die Definition von klaren Verantwortlichkeiten wichtig, um sicherzustellen, dass der Deprecation-Prozess konsistent eingehalten wird. Ein gut strukturierter und kommunizierter Prozess, inklusive klarer Zeiträume für die Abschaltung alter APIs, stärkt das Vertrauen der Nutzer:innen und sorgt für eine nahtlose Transition ohne plötzliche Umstellungen.

Teststrategie

Um sicher zu stellen, dass Komponenten auch morgen noch erwartungsgemäß funktionieren, sind automatisierte Tests unerlässlich. Sie bieten die notwendige Sicherheit, dass bestehende Funktionalitäten nicht unbeabsichtigt durch Änderungen beeinträchtigt werden. Dabei deckt eine gute Teststrategie idealerweise verschiedene Testmethoden ab. Mindestens Unit-Tests sollten das Verhalten einzelner Komponenten sicherstellen. Zusätzlich können visuelle Regressionstests oder JSON Snapshot Tests dabei helfen, unerwünschte Regressionen zu erkennen. Selbstverständlich sollten Tests in der CI laufen. So wird sichergestellt, dass Änderungen kontinuierlich geprüft und unbeabsichtigte Regressionen, sowohl funktionale als auch visuelle, erkannt werden. 

Automatisierte Tests sind jedoch nicht nur ein technisches Werkzeug. Sie fördern auch das Verantwortungsbewusstsein (Ownership) innerhalb der Teams. Indem klare Testverantwortlichkeiten definiert werden, lässt sich die Qualitätssicherung besser steuern. Ein weiterer Vorteil: Tests bieten eine dokumentierte Referenz für die erwartete Funktionalität, was insbesondere bei der Einführung neuer Teammitglieder oder bei der Übergabe von Projekten hilfreich ist. Ein stabiler Testprozess erhöht nicht nur die Qualität der Komponenten, sondern reduziert Integrationsaufwände und stärkt das Vertrauen der Konsumenten in die Component Library. 

Wann kommt was?

Es sollte noch erwähnt sein, dass nicht jeder Prozess vom ersten Tag an in Gänze etabliert werden muss. Beispielsweise macht es wenig Sinn, einen Deprecation-Prozess zu etablieren, bevor eine Component Library produktiv genutzt wird und veraltete Komponenten tatsächlich identifiziert werden können. Ähnlich verhält es sich mit Semantic Versioning. Vor der Veröffentlichung einer stabilen 1.0.0-Version kann es sinnvoll sein, flexibel auf Änderungen zu reagieren, ohne strenge Regeln für Breaking Changes einzuhalten. Ein Team könnte sich beispielsweise darauf einigen einfach die PATCH-Version zu erhöhen, bis man live ist. Wichtig auch hier: Ausreichend kommunizieren! Sobald eine stabile Version erreicht ist, sollten Prozesse für Versionierung, Deprecation und Updates dann aber angewendet werden, um eine konsistente und planbare Weiterentwicklung zu gewährleisten. 

Fazit

Component Libraries sind ein essenzieller Bestandteil moderner Enterprise-Webentwicklung. Egal ob Custom Lösung oder auf etwas bestehendem aufgebaut, ohne die richtigen Strategien können sie schnell zur Last werden. Mit einem strukturierten Ansatz, welcher die zugrunde liegende Architektur berücksichtigt, Kommunikation über alle Gewerke hinweg fördert und ausreichend Dokumentation und Tests mit sich bringt, lässt sich eine nachhaltige und leistungsfähige Component Library aufbauen. Die Pflege und klares Ownership einer solchen Library ist unabdingbar, zahlt sich aber langfristig durch konsistente, wiederverwendbare und wartbare Komponenten aus. 

 

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Michael Wolf
Head of Technology
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